Wie die iranische Justiz einen Mann wegen Bitcoins nach einer 10-minütigen Verhandlung erhängte

Die Repressionen des iranischen Staates gegen das eigene Volk sind als Mittel des Machterhaltes quasi staatstragend. Sie beginnen an der Spitze, an der der nun getötete Ali Khamenei lange stand, und enden in der Justiz. Dass viele Iraner den Tod ihres Staatsoberhauptes feiern, liegt auch an Geschichten wie dieser; die eines jungen Mannes, der nur deshalb hingerichtet wurde, weil er verdächtig viele Bitcoins besaß.

Es gibt Prozesse, die Jahre dauern, weil Gerichte jedes Detail prüfen, jedes Argument abwägen und jede Unsicherheit klären müssen. Und es gibt Verfahren, die offenbar nur dazu dienen, ein bereits feststehendes Ergebnis zu bestätigen. Der Fall des iranischen Computerexperten Esmail Fekri gehört zur zweiten Kategorie. Sein Prozess vor einem Revolutionsgericht in Teheran dauerte nach übereinstimmenden Berichten kaum länger als zehn Minuten – und endete mit einem Todesurteil.

Als Fekri im Frühjahr 2025 vor Richter Iman Afshari stand, versuchte er noch, sein Geständnis zu widerrufen. Die Aussagen, die ihn zum angeblichen israelischen Spion machten, seien unter Druck entstanden, erklärte er. Vernehmer hätten ihm gedroht, ihn zu töten, falls er die vorbereiteten Dokumente nicht unterschreibe. Doch das Verfahren nahm keinen anderen Verlauf mehr. Wenige Wochen später wurde der 32-Jährige im Morgengrauen hingerichtet.

Offiziell ging es um nationale Sicherheit. Tatsächlich kreist der Fall um etwas anderes: ein digitales Vermögen, das in den frühen Jahren des Bitcoin entstanden war – lange bevor Kryptowährungen weltweit Schlagzeilen machten.

Fekri galt als technisch affin. Während viele Menschen Bitcoin noch für ein kurzlebiges Experiment hielten, begann er bereits in den Anfangsjahren mit dem Mining. Mit Geduld und Fachwissen sammelte er über Jahre hinweg eine beträchtliche Menge der damals nahezu wertlosen digitalen Münzen. Als der Kurs später explodierte, war daraus ein Vermögen von rund zwölf Millionen Dollar geworden. Anders als viele Kryptobesitzer versuchte Fekri offenbar nicht, dieses Geld zu verstecken. Dokumente zeigen, dass er Wege suchte, seine Bestände legal in die iranische Wirtschaft einzubringen – durch Investitionen, Unternehmensbeteiligungen oder Umwandlung in Landeswährung. Gerade diese Transparenz könnte ihn erst sichtbar gemacht haben.

Seine Festnahme im November 2024 wirkte zunächst banal. Sicherheitskräfte stoppten das Auto, in dem er mit seinem Bruder zur Arbeit unterwegs war, angeblich wegen offener Verkehrsverstöße. Fekri wurde mitgenommen und verschwand für zwei Wochen spurlos im Sicherheitsapparat. Erst danach erfuhr die Familie, dass ihm Spionage für Israel vorgeworfen wurde – eine Anschuldigung, die sich im Wesentlichen auf seine Tätigkeit bei einem privaten Technologieunternehmen stützte, das wegen mutmaßlicher Verbindungen zu staatlichen Stellen international sanktioniert worden war.

Menschen aus seinem Umfeld zeichnen jedoch ein anderes Bild: kein Zugang zu Geheimnissen, keine sicherheitsrelevanten Aufgaben, sondern technische Arbeit an Kühl- und Energiesystemen für Rechenzentren. Die Konstruktion der Anklage wirkte widersprüchlich. Wer angeblich mit sensiblen Militärprojekten betraut war, hätte kaum über ein öffentliches Jobportal eingestellt werden können.

Entscheidend scheint vielmehr gewesen zu sein, dass Sicherheitsbehörden bereits Jahre zuvor von seinem Bitcoin-Vermögen erfahren hatten. Ein früherer Streitfall, in dem Fekri selbst Anzeige wegen versuchter Erpressung erstattete, hatte seine digitalen Bestände aktenkundig gemacht. Nach Angaben von Quellen begannen die Verhöre unmittelbar mit Fragen nach Zugangsdaten und Wallets. Schon kurz nach seiner Festnahme verloren Fekri und seine Familie offenbar die Kontrolle über seine elektronischen Geräte – und damit über das Vermögen.

Doch Besitz allein genügte nicht. Um die Einziehung rechtlich abzusichern, brauchte es eine strafrechtliche Grundlage. Ermittler sollen ihm deshalb Kooperation angeboten haben: ein Geständnis gegen Nachsicht. Als Fekri sich weigerte, sei der Druck massiv erhöht worden. Berichten zufolge zeigte man ihm sogar Aufnahmen einer Hinrichtung, um die Drohung zu unterstreichen. Schließlich unterschrieb er ein vorbereitetes Geständnis, das ihn selbst und einen früheren Kollegen belastete.

Später widerrief er alles schriftlich. In einem Brief an das Oberste Gericht erklärte er detailliert, wie sein Bitcoin-Vermögen entstanden sei und dass seine Aussagen unter Drohungen zustande gekommen seien. Der Widerruf änderte nichts am Fortgang des Verfahrens. Das Revolutionsgericht verurteilte ihn wegen Zusammenarbeit mit Israel zum Tod und ordnete zugleich die Einziehung der angeblich aus der Tat stammenden Vermögenswerte an.

Die Geschwindigkeit, mit der das Urteil bestätigt wurde, irritierte selbst Beobachter innerhalb des Systems. Innerhalb weniger Tage war der Instanzenzug beendet. Am 16. Juni 2025 wurde Fekri gehängt – nur drei Wochen nach dem kurzen Prozess.

Auch nach seinem Tod setzte sich das Leid der Familie fort. Wochenlang bemühten sich die Angehörigen um den Leichnam. Schließlich wurde er fern seiner Heimat in einer abgelegenen Gegend beerdigt. Bis heute müssen seine Verwandten hunderte Kilometer reisen, um das Massengrab zu besuchen. Über die beschlagnahmten Bitcoin hingegen gibt es keine Klarheit; sie befinden sich weiterhin unter Kontrolle staatlicher Stellen und werden nicht an die Familie herausgegeben.

Der Fall Fekri steht exemplarisch für einen Vorwurf, den Menschenrechtsexperten seit Jahren erheben: dass Revolutionsgerichte nicht nur politische Verfahren führen, sondern zunehmend auch wirtschaftliche Interessen absichern. Nationale Sicherheitsanklagen bieten dabei einen nahezu unangreifbaren Rahmen – denn wo Spionage behauptet wird, endet öffentliche Kontrolle meist abrupt.