Human Rights Watch: Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte
Im Schatten des Krieges eskaliert die Siedlergewalt gegen Palästinenser*innen
Während sich viele Israelis vor Raketen- und Drohnenangriffen in Sicherheit bringen, nutzen bewaffnete Siedler im Westjordanland die Kriegswirren, um Land zu erobern und Israels anhaltende Enteignung und ethnische Säuberung der Palästinenser*innen voranzutreiben.
Täglich überfallen Siedler palästinensische Gemeinden, schießen mit scharfer Munition, zünden Häuser und Autos an und greifen Familien in ihren Häusern an. In den vergangenen 11 Tagen haben bewaffnete Siedler – darunter drei in Militäruniform – Berichten zufolge fünf Palästinenser im Westjordanland erschossen; ein sechster soll an einem Herzstillstand gestorben sein, nachdem er von der israelischen Armee abgefeuertes Tränengas eingeatmet hatte. Diese Ereignisse deuten darauf hin, dass das Jahr 2026 das Jahr 2025 noch übertreffen wird, in dem die Gewalt durch israelische Siedler einen 20-Jahres-Höchststand erreichte und bewaffnete Siedler neun Palästinenser*innen töteten.
Das israelische Militär teilte mit, dass die jüngsten Vorfälle derzeit untersucht würden.
Ende 2025 gab die israelische Nichtregierungsorganisation Yesh Din bekannt, dass von mehreren hundert Fällen von Siedlergewalt, die sie seit Oktober 2023 dokumentiert hatte, nur drei Prozent zu Verurteilungen führten. Indem sie Siedlern Waffen zur Verfügung stellt und sie für kriminelle Handlungen nicht zur Rechenschaft zieht, begünstigt und ermöglicht die israelische Regierung die Gewalt der Siedler.
Die israelische Regierung bestärkt die Siedler zudem, indem sie den Ausbau illegaler Siedlungen genehmigt und finanziert. Im vergangenen August hat Israel Pläne zur Umsetzung des illegalen E1-Siedlungsprojekts, das von der internationalen Gemeinschaft seit langem als „rote Linie“ bezeichnet wird, offiziell bestätigt und im vergangenen Dezember eine Ausschreibung für 3.401 Wohneinheiten veröffentlicht. Sollte das Projekt fertiggestellt werden, wird es den südlichen Teil des Westjordanlands vollständig vom nördlichen Teil trennen. Die Bauaufträge werden voraussichtlich am 16. März an die Bieter vergeben.
Der Internationale Gerichtshof entschied im Juli 2024, dass die seit 59 Jahren andauernde Besetzung der palästinensischen Gebiete durch Israel rechtswidrig ist und dass die israelischen Behörden sich der Apartheid schuldig machen. Das Gericht wies Israel an, alle Siedler im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, abzuziehen, vertriebenen Palästinenser*innen die Rückkehr an ihre Wohnorte zu ermöglichen und ihnen Entschädigungen zu leisten. Doch im Schatten des Krieges geschieht genau das Gegenteil.
Staaten sollten Maßnahmen ergreifen, um weitere Gräueltaten in den besetzten palästinensischen Gebieten zu verhindern. Dies umfasst unter anderem gezielt verhängte Sanktionen gegen diejenigen, die an den anhaltenden schweren Menschenrechtsverletzungen beteiligt sind, die Aussetzung von Waffenlieferungen an Israel, ein Verbot des Handels mit illegalen Siedlungen, die Aussetzung von Präferenzhandelsabkommen mit Israel sowie die Unterstützung des Internationalen Strafgerichtshofs und seiner laufenden Ermittlungen, unter anderem durch die Vollstreckung seiner Haftbefehle. Ein Versäumnis, jetzt zu handeln, wird schwerwiegende Folgen für die Zukunft der Palästinenser*innen haben.
Neue Koalition zur Prävention von Gräueltaten im Sudan muss schnell handeln
Am 26. Februar gaben das Vereinigte Königreich, Deutschland, Irland, die Niederlande und Norwegen bekannt, dass sie eine Koalition zur Prävention von Gräueltaten und zur Förderung der Gerechtigkeit im Sudan bilden werden. Da die Gräueltaten unvermindert weitergehen, hat diese Koalition eine schwierige Aufgabe vor sich.
Die Ankündigung der Länder, die die Sudan Core Group im Menschenrechtsrat bilden, erfolgte nach der Erobung von El Fasher in Nord-Darfur durch die Rapid Support Forces und den Ergebnissen der Vereinten Nationen, wonach die Rapid Support Forces Angriffe durchgeführt haben, die die Merkmale von Völkermord aufweisen. In den 18 Monaten zuvor hatten Human Rights Watch und zahlreiche andere Organisationen vor der drohenden Gefahr grausamer Übergriffe gewarnt, als die RSF El Fasher besetzte und bombardierte. Doch die weltweiten Bemühungen zum Schutz der Zivilbevölkerung, darunter auch die der Mitglieder der neuen Koalition, blieben erfolglos.
In den vergangenen Monaten haben sowohl die Rapid Support Forces als auch die ihnen gegenüberstehenden sudanesischen Streitkräfte in großem Umfang Drohnen eingesetzt, insbesondere in der Region Kordofan, wo sie Berichten zufolge Hilfskonvois angriffen, zivile Infrastruktur beschädigten und Zivilist*innen töteten und verletzten. Diese Ereignisse verdeutlichen, welchen Preis die Zivilbevölkerung zahlen muss, wenn missbräuchliche Streitkräfte Zugang zu Waffenlieferungen haben. Der erste Schritt der neuen Koalition sollte darin bestehen, zu versuchen, diesen Waffenfluss zu unterbinden.
Mitgliedstaaten der Koalition sollten sich auf Maßnahmen zum physischen Schutz der Zivilbevölkerung konzentrieren und politische Impulse für die Einrichtung einer neuen, vom UN-Sicherheitsrat beauftragten Schutzmission geben sowie konkrete Pläne für deren operative Struktur ausarbeiten. Außerdem sollten sie lokale Einsatzkräfte, die ständig Angriffen ausgesetzt sind, politisch und finanziell unterstützen. Dazu gehört auch die Einrichtung eines Systems zur Erfassung von Angriffen auf lokale Hilfsorganisationen und die Ahndung der Verantwortlichen.
Die Koalition kann auch Maßnahmen ergreifen, um die Bemühungen um Rechenschaftspflicht voranzutreiben, unter anderem indem sie Gerechtigkeit in den Mittelpunkt politischer Dialoge stellt, eine Ausweitung der Zuständigkeit des Internationalen Strafgerichtshofs auf den gesamten Sudan fordert und Fälle nach dem Weltrechtsprinzip vorantreibt.
Der Erfolg dieser Koalition wird auch daran gemessen werden, inwieweit sie in der Lage ist, konzertierte internationale Maßnahmen zum Sudan voranzutreiben. Sie sollte mit dem neu ernannten Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen für den Sudan zusammenarbeiten und weitere Partner an Bord holen, darunter die Afrikanische Union, Staaten aus der Region und mehr Länder aus der Europäischen Union.
Diese Koalition könnte ein Hoffnungsschimmer sein. Aber die beteiligten Länder müssen bereit sein, das erforderliche politische Kapital einzusetzen, um die Kriegsparteien und ihre Unterstützer davon abzuhalten, mit solch eklatanter Straffreiheit zu handeln.
Libanon: Israel setzt rechtswidrig weißen Phosphor ein
Aktualisierung vom 9. März 2026: Seit Veröffentlichung der Pressemitteilung ist die Zahl der Todesopfer israelischer Angriffe auf 394 gestiegen (Stand: 8. März).
(Beirut, 7. März 2026) – Das israelische Militär hat am 3. März 2026 in der südlibanesischen Stadt Yohmor rechtswidrig Artillerie-Munition mit weißem Phosphor über Wohnhäusern eingesetzt, teilte Human Rights Watch heute mit.
Human Rights Watch hat sieben Bildaufnahmen verifiziert und geolokalisiert, die den Einsatz von Luftsprengmunition mit weißem Phosphor über einem Wohngebiet der Stadt zeigen. Die Aufnahmen belegen zudem, dass Zivilschutzkräfte Brände in mindestens zwei Häusern sowie an einem Auto in diesem Gebiet bekämpften.„Der rechtswidrige Einsatz von weißem Phosphor durch das israelische Militär über Wohngebieten ist äußerst alarmierend und wird schwerwiegende Folgen für die Zivilbevölkerung haben“, sagte Ramzi Kaiss, Libanon-Experte bei Human Rights Watch. „Die brandfördernde Wirkung von weißem Phosphor kann zum Tod oder zu grausamen Verletzungen führen, unter denen die Betroffenen ihr Leben lang leiden.“
Weißer Phosphor ist eine chemische Substanz, die in Artilleriegeschossen, Bomben und Raketen verwendet wird und sich bei Kontakt mit Sauerstoff entzündet. Er kann Häuser, landwirtschaftliche Flächen und andere zivile Objekte in Brand setzen. Gemäß dem humanitären Völkerrecht ist der Einsatz von weißem Phosphor in besiedelten Gebieten rechtswidrig, da er willkürlich ist und nicht der gesetzlichen Anforderung entspricht, alle möglichen Vorkehrungen zu treffen, um Schäden an der Zivilbevölkerung zu vermeiden.
Human Rights Watch hat eine am Morgen des 3. März in den sozialen Medien veröffentlichte Bildaufnahme verifiziert und geolokalisiert. Sie zeigt mindestens zwei Artilleriegeschosse mit weißem Phosphor, die über einem Wohngebiet in der Stadt Yohmor im Südlibanon zur Explosion gebracht wurden. Nach der Analyse entspricht die Form der in der Luft entstandenen Rauchwolke vollständig der charakteristischen „Knuckle“-Form, die durch die Ausstoß- und Sprengladungen eines 155‑mm‑Artilleriegeschosses der M825‑Serie entsteht, das weißen Phosphor enthält.
Am frühen Morgen desselben Tages, um 5:27 Uhr, erließ Avichay Adraee, der arabische Sprecher des israelischen Militärs, einen Befehl, dass die Bewohner*innen von Yohmor sowie von 50 weiteren Dörfern und Städten „ihre Häuser unverzüglich verlassen und sich mindestens 1.000 Meter außerhalb der Ortschaften auf freiem Gelände aufhalten“ sollten. Um 12:12 Uhr erneuerte Adraee diese Anweisung. Human Rights Watch konnte nicht feststellen, ob sich zum Zeitpunkt des Angriffs Menschen im betroffenen Gebiet aufhielten oder ob Personen durch den Einsatz von weißem Phosphor verletzt wurden.
Human Rights Watch hatte bereits zuvor den umfangreichen Einsatz von weißem Phosphor durch das israelische Militär zwischen Oktober 2023 und Mai 2024 in Grenzorten des Südlibanon dokumentiert. Dieser Einsatz setzte Zivilist*innen erheblichen Gefahren aus und trug maßgeblich zur Vertreibung der Bevölkerung bei.
Weißer Phosphor kann zu verschiedenen Zwecken eingesetzt werden, etwa zur Verschleierung, Markierung, Signalgebung oder für direkte Angriffe auf militärische Ziele. Die Bedenken hinsichtlich seines Einsatzes in besiedelten Gebieten werden durch die in Videos gezeigte Technik der Luftdetonation noch verstärkt. Diese zeigen eine Technik, bei der Geschosse mit weißem Phosphor in der Luft detonieren und dabei 116 mit der Substanz getränkte, brennende Filzkeile über eine Fläche von 125 bis 250 Metern Durchmesser verstreuen, abhängig von Höhe und Winkel der Explosion. Dadurch werden deutlich mehr Zivilist*innen und zivile Strukturen gefährdet, als dies bei einer Detonation am Boden der Fall wäre.Human Rights Watch verifizierte und geolokalisierte zudem Fotos, die um 11:34 Uhr und 13:36 Uhr vom Katastrophenschutzteam des Islamischen Gesundheitskomitees in Yohmor – einer Organisation, die der libanesischen bewaffneten Gruppe Hisbollah nahesteht – auf Facebook veröffentlicht wurden. Die Aufnahmen zeigen Einsatzkräfte, die Brände auf den Dächern von Wohnhäusern sowie in einem Auto löschen. Zudem ist Rauch zu sehen, der aus den Balkonen eines Wohnhauses aufsteigt; das Katastrophenschutzteam führte diesen auf den Einsatz von weißem Phosphor zurück. Die geolokalisierten Orte lagen in einem Umkreis von weniger als 160 Metern.
Die Analyse von Human Rights Watch legt nahe, dass das Feuer höchstwahrscheinlich durch mit weißem Phosphor getränkte Filzkegel ausgelöst wurde. Aufgrund der geringen Entfernung zwischen dem betroffenen Haus und dem Auto zu dem Bereich, in dem die Luftmunition beobachtet wurde, spricht vieles dafür, dass die Munition rechtswidrig in einem dicht besiedelten Gebiet eingesetzt wurde.Seit der jüngsten Eskalation der Feindseligkeiten zwischen Israel und der Hisbollah am 2. März sind laut Angaben des Gesundheitsministeriums bis zum 6. März mindestens 217 Menschen im Libanon getötet worden und Hunderttausende wurden vertrieben.
Das israelische Militär hat Evakuierungsbefehle für die gesamte Bevölkerung des Libanon südlich des Litani-Flusses und alle Bewohner*innen der südlichen Vororte von Beirut erlassen, was Hunderttausende Menschen betrifft. Die Pauschalität der Evakuierungsbefehle des israelischen Militärs lässt befürchten, dass ihr Hauptzweck nicht der Schutz der Zivilbevölkerung ist, sondern vielmehr die Verbreitung von Terror und Panik, insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten groß angelegten Vertreibung von Zivilist*innen im Libanon. Dies birgt die ernsthafte Gefahr eines Kriegsverbrechens der Zwangsvertreibung, so Human Rights Watch.
Israel sollte jeglichen Einsatz von aus der Luft abgefeuerten Artilleriegeschossen mit weißem Phosphor in besiedelten Gebieten verbieten, da diese die Zivilbevölkerung der Gefahr willkürlicher Angriffe aussetzen. Es gibt Alternativen zu weißem Phosphor für Rauchgranaten, darunter auch einige, die von israelischen Unternehmen hergestellt werden, wie beispielsweise das Rauchgeschoss M150, das die israelische Armee in der Vergangenheit als Sichtschutz eingesetzt hat, um die Sichtbarkeit ihrer Truppen zu erschweren. Diese Alternativen können die gleiche Wirkung erzielen und die Gefährdung der Zivilbevölkerung drastisch verringern.
Human Rights Watch fordert die wichtigsten Verbündeten Israels, darunter die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich und Deutschland, dazu auf, die militärische Unterstützung und Waffenverkäufe an Israel auszusetzen und gezielte Sanktionen gegen Beamte zu verhängen, die hinreichend verdächtig sind, an schweren Verbrechen beteiligt zu sein. Die libanesischen Justizbehörden sollten innerstaatliche Ermittlungen wegen schwerer internationaler Verbrechen einleiten, und die Regierung sollte dem Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) beitreten sowie vor dem Beitrittsdatum eine Erklärung abgeben, in der sie die Zuständigkeit des Gerichtshofs anerkennt, und zwar mindestens seit dem 7. Oktober 2023.
Israels weit verbreiteter Einsatz von weißem Phosphor im Südlibanon unterstreicht die Notwendigkeit strengerer völkerrechtlicher Vorschriften für Brandwaffen, so Human Rights Watch. Das Protokoll III des Abkommens über Konventionelle Waffen ist das einzige rechtsverbindliche Instrument, das sich spezifisch mit Brandwaffen befasst. Der Libanon ist Vertragspartei des Protokolls III, Israel hingegen nicht.
Protokoll III erfasst nur solche Waffen, die „in erster Linie dazu bestimmt“ sind, Brände zu verursachen oder Verbrennungen zuzufügen. Dadurch fällt bestimmte Mehrzweckmunition mit Brandwirkung – darunter auch Munition, die weißen Phosphor enthält – nicht vollständig unter seine Bestimmungen. Zudem enthält das Protokoll weniger strenge Vorgaben für den Einsatz bodengestützter Brandwaffen, wie sie im Libanon verwendet wurden, in „Zivilistenkonzentrationen“ als für aus der Luft abgeworfene Brandwaffen, obwohl beide Arten identische grausame Verletzungen verursachen können.
Der Begriff „Zivilistenkonzentrationen“ wird weit gefasst definiert und umfasst besiedelte Gebiete von Dörfern über Geflüchtetenlager bis hin zu Städten. Human Rights Watch und viele Länder fordern seit langem, diese Lücken im Protokoll III zu schließen und internationale Normen zu schaffen, die die Zivilbevölkerung besser vor den Schäden durch Brandwaffen schützen.
„Israel sollte dieses Vorgehen unverzüglich einstellen, und Staaten, die Israel mit Waffen, darunter auch Munition mit weißem Phosphor, beliefern, sollten ihre Waffenlieferungen und ihre militärische Unterstützung sofort aussetzen und Israel dazu drängen, den Einsatz solcher Munition in Wohngebieten einzustellen“, sagte Kaiss.
USA/Israel: Angriff auf Schule in Iran sollte als Kriegsverbrechen untersucht werden
(Beirut, 7. März 2026) – Ein rechtswidriger Angriff auf eine Grundschule im Süden des Iran am Vormittag des 28. Februar 2026, bei dem Berichten zufolge Dutzende Zivilist*innen, darunter viele Kinder, getötet wurden, sollte als Kriegsverbrechen untersucht werden, erklärte Human Rights Watch heute.
Der Angriff wurde am Morgen des 28. Februar im Rahmen hunderter Angriffe der israelischen und US-amerikanischen Streitkräfte in ganz Iran durchgeführt. Weder die Vereinigten Staaten noch Israel haben sich zu dem Angriff bekannt, und ein Sprecher des israelischen Militärs erklärte gegenüber Human Rights Watch, dass ihm „keine [israelischen] Militärschläge in diesem Gebiet bekannt“ seien. Die iranische Regierung hat die US-amerikanisch-israelische Koalition für den Angriff verantwortlich gemacht.
Die Shajareh Tayyebeh Grundschule in der Stadt Minab in der Provinz Hormozgan befindet sich am inneren Rand eines Geländes der Marineeinheiten des Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC). Informationen, die Human Rights Watch geprüft hat, zeigen jedoch, dass die Schule ummauert ist und über einen separaten Eingang zur Straße verfügt, der vom Rest des Geländes getrennt ist.
Das Muster der Angriffe, bei denen bestimmte Gebäude auf dem Gelände, darunter auch die Schule, direkt getroffen wurden, sowie die an mehreren Gebäuden sichtbaren Einschlagstellen der Munition deuten darauf hin, dass der Angriff mit hochpräzisen Lenkflugkörpern durchgeführt wurde und nicht mit Fehlzündungen, deren Lenk- oder Antriebsysteme versagt hatten oder anderweitig gestört waren und die das Gebiet willkürlich trafen.
„Es muss eine umgehende und gründliche Untersuchung dieses Angriffs erfolgen, einschließlich der Frage, ob die Verantwortlichen hätten wissen müssen, dass sich dort eine Schule befand und dass diese vor Mittag voller Kinder und Lehrkräfte sein würde“ sagte Sophia Jones, Open-Source-Forscherin beim Digital Investigations Lab von Human Rights Watch. „Die Verantwortlichen für diesen rechtswidrigen Angriff müssen zur Rechenschaft gezogen werden, einschließlich der strafrechtlichen Verfolgung aller Personen, die für Kriegsverbrechen verantwortlich sind.“
Click to expand Image Map of the town of Minab, including the Shajareh Tayyebeh School, the IRGC Naval Forces Compound and the Minab Hermud Cemetery. Graphics © 2026 Human Rights WatchHuman Rights Watch hat 14 Videos und Fotos ausgewertet und verifiziert, die unmittelbar nach dem Angriff oder während der Such- und Rettungsmaßnahmen in den sozialen Medien veröffentlicht wurden, sowie vier Fotos von Beerdigungen. Darüber hinaus haben die Forschenden rund 40 frei zugängliche Satellitenbilder aus den letzten 25 Jahren sowie kommerziell erworbene Satellitenbilder ausgewertet, die nach dem Angriff aufgenommen wurden und sowohl den Ort des Angriffs als auch den nahe gelegenen Friedhof zeigen, auf dem die Opfer offenbar beigesetzt wurden. Die Forschenden überprüften auch Erklärungen der Iranischen Rothalbmondgesellschaft, von Regierungsvertreter*innen aus Iran, Israel und den Vereinigten Staaten sowie Berichte unabhängiger Medien außerhalb Irans.
Aufgrund der von den iranischen Behörden verhängten Internetsperre und Kommunikationsbeschränkungen war es Human Rights Watch nicht möglich, sicher mit Zeuginnen und Zeugen oder Angehörigen der bei dem Angriff Getöteten zu sprechen. Dadurch war es den Forschenden nur eingeschränkt möglich, die genaue Anzahl und Identität der getöteten Kinder und anderen Personen sowie weitere Details im Zusammenhang mit dem Angriff zu überprüfen. Allerdings befragten die Forschenden zwei Quellen, die mit Zeuginnen und Zeugen sowie Angehörigen der Opfer gesprochen hatten. Human Rights Watch untersucht auch Angriffe iranischer Streitkräfte auf Ziele in Ländern des Nahen Ostens.
Die genaue Art der verschiedenen Bereiche innerhalb des IRGC-Geländes, der Umfang, in dem die Einrichtungen zum Zeitpunkt des Angriffs für militärische Zwecke genutzt wurden, und was dort möglicherweise gelagert wurde, war nicht sofort ersichtlich. Wenn eine der Einrichtungen innerhalb des Geländes für militärische Zwecke genutzt wurde, hätten die iranischen Behörden offenbar die Zivilbevölkerung unnötigen Gefahren ausgesetzt und damit auch gegen das Völkerrecht verstoßen.
Die Analyse von Satellitenbildern zeigt, dass mindestens acht Gebäude auf dem Gelände direkt von Munition getroffen wurden, darunter mindestens eines, das die Schule traf und schwer beschädigte, die vom Rest des Geländes durch eine Mauer abgetrennt war.
Zwei Videos, die unmittelbar nach dem Angriff neben der Schule gedreht und von den Forschenden überprüft wurden, zeigen schwarzen Rauch, der aus dem Dach der Schule aufsteigt, und einen Teil des eingestürzten Daches. In einem Video sind die weißen Linien eines Fußballfeldes, ein Volleyballnetz und die bunt gestrichenen Wände der Schule deutlich zu sehen, ebenso wie zwei Rauchwolken, die von anderen Stellen des Geländes aufsteigen. Im zweiten Video versammeln sich Menschen um die Schule und schreien. Ein drittes Video, das von Forschenden verifiziert wurde, zeigt einen anderen Winkel des Geländes. Es wurde aus südlicher Richtung aufgenommen und zeigt Rauchwolken von mindestens einer dritten Stelle innerhalb des Geländes.
Satellitenbilder in hoher Auflösung zeigen, dass zwischen Februar und September 2016 eine Innenmauer errichtet wurde, die die Schule vom Rest des Geländes trennt. Darüber hinaus wurde in diesem Zeitraum ein separater Eingang ohne Sicherheitsposten geschaffen, der den Zugang zur Schule von der Straße aus ermöglicht, ohne das Militärgelände betreten zu müssen. Zwei Wachtürme, die zuvor auf Satellitenbildern zu sehen waren und weniger als 50 Meter vom Schulgebäude entfernt standen, wurden ebenfalls 2016 entfernt. Die Vorderseite der Schule wurde geräumt und im August 2017 wurden Markierungslinien für einen Fußballplatz im Innenhof gezogen.
Der Gebäudekomplex umfasst auch eine medizinische Klinik, die unter der Schirmherrschaft der Marineeinheiten der IRGC steht. Laut Staatsmedien wurde sie im Januar 2025 von Generalmajor Hossein Salami, dem damaligen Oberbefehlshaber der IRGC, eingeweiht.
Satellitenbilder mit niedriger Auflösung vom 2. März 2026 zeigen mindestens sieben weitere Einschlagstellen innerhalb des IRGC-Geländes zusätzlich zur Schule. Darunter befindet sich auch ein deutlicher Einschlag auf dem Dach der medizinischen Klinik. Eine Analyse von Satellitenbildern mit sehr hoher Auflösung, die am 4. März aufgenommen wurden, bestätigt, dass Sprengwaffen an mindestens acht Stellen detonierten, darunter fünf Stellen, an denen die Schäden darauf hindeuten, dass Munition vom Dach aus in die Gebäude eindrang und dort detonierte.
Click to expand Image Satellite imagery captured on March 4, 2026, shows the main impact sites and damaged structures within the IRGC Naval Forces Compound, including Shajareh Tayyebeh Primary School, following the February 28 attack. At least eight impact sites are visible, including destroyed buildings and structures showing significant damage consistent with the point of detonation of an explosive weapon. Neighboring buildings appear to have sustained damage caused by blast effects or fire consistent with having been directly hit by an explosive weapon. Image: March 4, 2026 © 2026 Planet Labs PBC. Analysis and Graphics © 2026 Human Rights WatchDie Beschädigungen an zwei weiteren Gebäuden sowie der relative Abstand zwischen diesen und anderen angegriffenen Gebäuden deuten darauf hin, dass beide Gebäude höchstwahrscheinlich ebenfalls direkt mit Sprengwaffen angegriffen wurden, wodurch sich die Gesamtzahl der höchstwahrscheinlich direkt angegriffenen Einschlagstellen auf zehn erhöht. Die Anzahl der einzelnen Treffer und offenbar präzise getroffene einzelne Gebäude auf dem Stützpunkt, was zum Teil an den relativ kleinen kreisförmigen Löchern zu erkennen ist, durch die die Munition eindrang, lassen darauf schließen, dass der Angriff mit hochpräzisen Lenkflugkörpern auf eine große Anzahl individueller Ziele auf dem Stützpunkt durchgeführt wurde.
Dass sich die Schule auf dem Gelände der Marineeinheit der IRGC befand, machte sie an sich nicht zu einem legitimen militärischen Ziel. Die Schule wurde genutzt, und am Tag des Angriffs befanden sich Kinder darin. Human Rights Watch fand keinerlei Hinweise darauf, dass die Schule für militärische Zwecke genutzt wurde, obwohl die Forschenden nicht mit Augenzeugen des Angriffs, Angehörigen der Getöteten oder anderen informierten Quellen sprechen konnten.
Selbst wenn die Angreifer ein legitimes militärisches Ziel in der Nähe der Schule ins Visier genommen hätten, verbietet das humanitäre Völkerrecht Angriffe auf militärische Ziele, wenn der zu erwartende Schaden für Zivilisten und zivile Objekte in keinem Verhältnis zum erwarteten militärischen Nutzen des Angriffs steht.
Sowohl das US-amerikanische als auch das israelische Militär verfügen über hochentwickelte und weitreichende Methoden zur Informationsbeschaffung in verschiedenen Domänen und haben diese bei zahlreichen Kampfeinsätzen eingesetzt, wodurch eine verbesserte Überwachung, Bewertung und Überprüfung von Zielen ermöglicht wird.
Human Rights Watch wandte sich am 2. März schriftlich an das US-amerikanische und israelische Militär und am 3. März an die iranischen Behörden. Das israelische Militär antwortete am 3. März schriftlich: „Nach einer ersten Untersuchung [ist] [dem israelischen Militär] kein [israelischer Militär-]Angriff in diesem Gebiet bekannt“, und „der Vorfall wird derzeit untersucht“. Sowohl das US-Militär als auch die iranischen Behörden haben bislang nicht geantwortet.
Am 4. März antwortete US-Verteidigungsminister Pete Hegseth in einer Pressekonferenz auf eine Frage zum Angriff auf die Schule. „Ich kann nur sagen, dass wir das untersuchen“, sagte er. „Wir greifen natürlich niemals zivile Ziele an, aber wir schauen uns das an und untersuchen es.“ Während dieser Pressekonferenz sagte der Vorsitzende der Joint Chiefs of Staff, General Dan Caine, dass US-Streitkräfte der USS Abraham Lincoln-Kampftruppe „Druck“ entlang der „südöstlichen Seite der Küste ausübten und die Marinekapazitäten entlang der gesamten Meerenge erschöpften“, während er auf einen Bereich der Karte zeigte, der Minab umfasste, wo laut Karte US-amerikanische/israelische Angriffe stattgefunden hatten.
Es sollte eine gründliche, unabhängige Untersuchung des Angriffs auf die Shajareh Tayyebeh Grundschule durchgeführt werden, um unter anderem festzustellen, ob Kriegsverbrechen begangen wurden, so Human Rights Watch. Kriegsverbrechen sind schwere Verstöße gegen das Völkerrecht, die mit krimineller Absicht, also vorsätzlich oder rücksichtslos, begangen werden. Die Verantwortlichen für Kriegsverbrechen oder andere schwere Verstöße gegen das Völkerrecht, darunter militärische und zivile Befehlshaber, sollten zur Rechenschaft gezogen werden, während die Opfer und ihre Familien angemessen entschädigt werden sollten.
Schulen und andere Bildungseinrichtungen sind zivile Objekte und unterliegen dem Schutz vor Angriffen. Sie verlieren diesen Schutz, wenn sie für militärische Zwecke genutzt werden, wobei alle Parteien weiterhin das humanitäre Völkerrecht einhalten müssen, einschließlich der Achtung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit und der Ergreifung aller möglichen Maßnahmen, um Schäden für die Zivilbevölkerung so gering wie möglich zu halten. Die bloße Anwesenheit von Militärpersonal in zivilen Infrastrukturen macht solche Einrichtungen an sich nicht automatisch zu legitimen militärischen Zielen. Human Rights Watch liegen keinerlei Informationen vor, die darauf hindeuten, dass die Shajareh Tayyebeh-Schule für militärische Zwecke genutzt wurde.
Die iranischen Behörden sollten den Schutz von Schulen und anderen zivilen Infrastrukturen gewährleisten.
Die Vereinigten Staaten sollten unverzüglich ihre Verantwortung für diesen Angriff prüfen und die Ergebnisse veröffentlichen. Wenn das US-Militär den Angriff durchgeführt hat, sollte es eine umfassende Untersuchung der operativen und politischen Fehler durchführen, die zum Angriff auf eine Schule geführt haben, die verursachten zivilen Schäden vollständig aufklären, die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, auch durch strafrechtliche Verfolgung, und sich zu Änderungen verpflichten, die sicherstellen, dass sich solche Fehler bei künftigen Operationen nicht wiederholen.
„Die Verbündeten der USA und Israels sollten darauf bestehen, dass die Verantwortlichen für den Angriff auf die Shajareh Tayyebeh-Schule zur Rechenschaft gezogen werden und dass die Angriffe auf zivile Infrastruktur bei allen ihren Operationen in der Region eingestellt werden, bevor weitere zivile Opfer, darunter auch Kinder, unrechtmäßig getötet werden“, sagte Jones.
