Devisen gegen Gemälde: Wie die DDR Kunst raubte und damit ihre Staatsfinanzen stützte

Als die DDR wirtschaftlich immer stärker unter Druck geriet, griff der Staat zu ungewöhnlichen Mitteln, um an harte Währung zu gelangen. Neben Waffenexporten, politischem Handel und geheimen Finanzgeschäften spielte auch Kunst eine Rolle. Gemälde, Antiquitäten, Möbel, Porzellan oder ganze Sammlungen verschwanden aus Privatwohnungen, Schlössern und Depots – beschlagnahmt durch Behörden oder verkauft durch staatliche Tarnfirmen. Hinter dem scheinbar legalen Kunsthandel stand ein System aus Enteignung, politischem Druck und internationalem Verkauf geraubter Kulturgüter. Erst Jahrzehnte nach dem Ende der DDR beginnen Historiker und Provenienzforscher zu verstehen, wie groß das Ausmaß dieses staatlich organisierten Kunstraubs tatsächlich war.

1. Ein wenig erforschtes Kapitel der DDR-Geschichte: Kunst gegen Devisen

Während der Kunstraub während der NS-Zeit intensiv aufgearbeitet wird, ist die systematische Entziehung von Kunstwerken in der DDR lange ein Randthema geblieben. Dabei ist inzwischen klar: Auch der sozialistische Staat entzog Bürgern und Institutionen in großem Umfang Kulturgüter. Forschungen zeigen, dass Kunstwerke bereits in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und später in der DDR systematisch enteignet wurden. Die Praxis wurde von Behörden oft beschönigend als „Kulturgutentziehung“ bezeichnet.

Die Motive waren vielfältig: ideologische Säuberungen, sozialistische Enteignungspolitik, staatliche Kulturpolitik – vor allem aber die Beschaffung von Devisen. Gerade letzteres wurde ab den 1960er-Jahren zu einem zentralen Motiv.

Die DDR litt chronisch unter Devisenmangel. Für Importgüter aus dem Westen – von Maschinen bis zu Konsumwaren – benötigte sie harte Währung, vor allem D-Mark oder Dollar. Deshalb schuf die SED-Führung einen geheimen Wirtschaftsbereich: die „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo). Dieser von Alexander Schalck-Golodkowski geleitete Bereich organisierte eine Vielzahl von Geschäften, darunter auch den Handel mit Kunst und Antiquitäten. Kunst hatte dabei einen besonderen Vorteil: Sie ließ sich international relativ leicht verkaufen und erzielte hohe Preise.

Im Zentrum des DDR-Kunsthandels stand eine spezielle Firma: die Kunst und Antiquitäten GmbH (KuA). Sie gehörte zum KoKo-System und hatte faktisch ein Monopol auf den Export von Kunst und Antiquitäten in den Westen. Ihre Aufgaben waren der Ankauf von Kunstwerken in der DDR, die Lagerung und Bewertung, der Verkauf an westliche Händler und Sammler sowie die Verschleierung der Herkunft der Objekte. Die Ware stammte aus unterschiedlichen Quellen: enteignete Privatbesitze, Museumsbestände, Schlösser und historische Sammlungen oder beschlagnahmte Antiquitäten. Im zentralen Lager der Firma, etwa im brandenburgischen Mühlenbeck, wurden tausende Objekte gesammelt und später exportiert.

2. Die Kriminalisierung von Sammlern

Besonders perfide war eine Methode, mit der die DDR gezielt an private Kunstsammlungen gelangte. Viele Sammler wurden durch staatliche Behörden kriminalisiert. Typische Vorwürfe waren angebliche Steuervergehen, Devisenvergehen, illegale Handelsgeschäfte oder „Spekulation“ mit Kunst. Nach solchen Verfahren wurden die Sammlungen beschlagnahmt – oft als angebliche Begleichung von Steuerschulden.

Historiker sprechen von rund 200 bekannten Fällen, möglicherweise deutlich mehr. Die betroffenen Sammler verloren Gemälde, Skulpturen, Möbel, Porzellan, Silber oder historische Bücher. Viele dieser Objekte tauchten später im westlichen Kunsthandel auf.

Der Kunstraub war kein isoliertes Phänomen einzelner Beamter. Er war Teil eines staatlich organisierten Systems, an dem mehrere Institutionen beteiligt waren:

  • Ministerium für Staatssicherheit (Stasi): Die Stasi überwachte Sammler und Händler, dokumentierte private Kunstbestände und lieferte Informationen für Beschlagnahmungen.
  • Kommerzielle Koordinierung (KoKo): Der wirtschaftliche Kern des Systems – zuständig für Verkauf und Devisenerlöse.
  • Staatlicher Kunsthandel: Ein staatliches Unternehmen, das offiziell für den Handel mit Kunst im Inland und im Ausland zuständig war.
  • Ministerium für Außenhandel: Koordinierte internationale Verkäufe. Dieses Zusammenspiel machte den Kunsthandel zu einem wichtigen Baustein der DDR-Devisenpolitik.

3. Westliche Händler als Abnehmer der geraubten Kunst aus der DDR

Viele Kunstwerke wurden an westliche Händler verkauft. Die DDR ließ gezielt Händler aus der Bundesrepublik, der Schweiz und anderen Ländern ins Land kommen, um Kunst und Antiquitäten aufzukaufen. Dabei wurden Herkunft und Geschichte der Objekte häufig verschleiert. Manche Händler wussten vermutlich, dass die Werke problematische Herkunft hatten. Andere sahen in der DDR schlicht einen günstigen Markt.

Ein Teil der beschlagnahmten Kunstwerke landete nicht im Export, sondern in Museen und staatlichen Sammlungen. Einige dieser Werke befinden sich bis heute in öffentlichen Depots. Oft ist ihre Herkunft unklar, weil Dokumentationen fehlen oder bewusst verändert wurden. Die Provenienzforschung versucht inzwischen zu klären, woher diese Werke stammen, wer ihre ursprünglichen Eigentümer waren und ob eine Rückgabe möglich ist.

Einer der bekanntesten Fälle ist der Sammler Heinz Dietel aus Thüringen. Dietel wurde in den 1970er-Jahren wegen angeblicher Steuervergehen verhaftet. Seine umfangreiche Kunstsammlung wurde beschlagnahmt und teilweise verkauft. Jahrzehnte später gelang es seinem Sohn, einen Teil der Werke zurückzuerhalten. Solche Rückgaben bleiben jedoch selten.

4. Die Dimensionen des DDR-Kunstraubs

Der DDR-Kunsthandel bewegte sich nicht nur im Graubereich der Enteignung. Es gab auch Hinweise auf Handel mit Kunstfälschungen, dubiose Zwischenhändler und private Bereicherung einzelner Funktionäre. Der Kunsthandel bot enorme Möglichkeiten für intransparente Geschäfte.

Wie viele Kunstwerke tatsächlich entzogen wurden, ist bis heute unklar. Die Gründe dafür sind fehlende Inventare, zerstörte Akten, bewusst verschleierte Verkaufswege oder internationale Weiterverkäufe. Historiker gehen jedoch davon aus, dass mehrere zehntausend Objekte aus Privatbesitz und staatlichen Sammlungen in den Westen verkauft wurden. Viele davon sind heute weltweit verstreut.

5. Offene Fragen der Gegenwart

Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR bleiben zahlreiche Fragen ungeklärt. Welche Kunstwerke wurden genau enteignet? Wo befinden sich diese Werke heute? Wer sind die rechtmäßigen Eigentümer? Welche Rolle spielten westliche Händler und Sammler? Die Provenienzforschung steht in diesem Bereich noch am Anfang.

Viele dieser Werke befinden sich heute in Museen, auf dem internationalen Kunstmarkt oder in privaten Sammlungen – oft ohne klare Herkunft. Die Aufarbeitung dieses Kapitels hat gerade erst begonnen. Und sie zeigt, dass auch der sozialistische Staat bereit war, kulturelles Erbe zu enteignen, wenn es wirtschaftlichen Nutzen versprach.

Der DDR-Kunstraub wirft bis heute komplexe rechtliche Fragen auf. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden viele DDR-Enteignungen juristisch überprüft. Allerdings gilt, dass nicht jede Enteignung automatisch rückgängig gemacht wird und viele Fälle als rechtlich verjährt oder politisch abgeschlossen gelten. Erben ehemaliger Sammler versuchen dennoch häufig, Kunstwerke zurückzufordern. Mehrere deutsche Institutionen untersuchen derzeit systematisch den DDR-Kunsthandel und die Fragen, woher Kunstwerke stammen, ob sie aus Enteignungen stammen und ob Rückgaben notwendig sind.

Besonders schwierig sind Fälle, in denen Werke heute im Ausland sind. Dann greifen internationales Privatrecht, Kunsthandelsrecht und nationale Restitutionsgesetze. Oft ist eine Rückgabe in solchen Fällen nur möglich, wenn der heutige Besitzer zustimmt.