Werbeanzeige des Autors
Literatur, Politik und Recht
Iran, Türkei, Afghanistan – die Liste der Länder, in denen Schriftsteller politisch verfolgt werden, ist lang. Ihren Schutz haben sich die PEN-Organisationen auf die Fahne geschrieben, bei uns PEN-Deutschland und PEN-Berlin. Über kleine Erfolge können wir berichten, so jüngst die Begnadigung von Boualem Sansal in Algerien. Wenn wir uns überlegen, wie die Zukunft sich entwickeln wird, lohnt immer ein Blick in die Vergangenheit.
Alles, was im Leben durch Machtverhältnisse bestimmt wird, ist Politik, also gehört auch die Ohnmacht zur Politik und in beiden Fällen ist die Literatur ein Teil der Machtverhältnisse. Entweder preist sie die Mächtigen, wie es die Hofdichter seit Jahrtausenden taten oder sie kritisiert sie; aber wer einen Politiker lobt, ohne gleichzeitig auch seine Schwächen hinzuweisen, ist der Wahrheit nicht mehr genug verpflichtet (selbstbewusste Hofdichter wie Goethe haben auch diesen Spagat beherrscht). Wir sehen die Literatur daher meistens auf der Seite der Kritik. Anna Achmatova notierte:
»In den schrecklichen Jahren des Justizterrors unter Jeshow habe ich siebzehn Monate mit Schlangestehen in den Gefängnissen von Leningrad verbracht. Auf irgendeine Weise ›erkannte‹ mich einmal jemand. Da erwachte die hinter mir stehende Frau mit blauen Lippen, die meinen Namen natürlich nie gehört hatte, aus jener Erstarrung, die uns allen eigen war, und flüsterte mir ins Ohr die Frage (dort sprachen alle im Flüsterton):
›Und Sie können dies beschreiben?‹
Und ich sagte:
›Ja.‹
Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war.«1
Wer über die Sprache verfügt, gestaltet die Sicht auf die Dinge – und damit die Wirklichkeit. Es ist immer seine eigene individuelle Sicht, deren Gegenpart das System ist, in dem er lebt. Wenn auf den Straßen das hohe Lied der Führer gesungen wird, muss jemand, der sich das nicht anhören will, weglaufen und seine eigenen Gedichte schreiben. Er wird feststellen, dass ihm das schwer fällt, wenn er kein Dichter ist und entwickelt Zuneigung zu jenen, die es können. Sie sind sein Sprachrohr, er wird sie bezahlen, wird sie mächtig machen – er wird sie kritisieren. Politische Literatur dieser Art ist notwendig zum Überleben, aber sie ist nur dann überzeugend, wenn sie von denen geschrieben wird, die ihre eigenen Erfahrungen so verdichten, dass sie von anderen verstanden werden. Wer aus dem sicheren Sessel Lieder gegen die Unterdrückung schreibt, ist unglaubwürdig – und damit sind es auch seine Texte.
»Politik ist ein wichtiges, aber nicht das einzige Thema der Dichtkunst.«2 Weit mehr als früher werden heute Dichter und Schriftsteller aufgefordert, Kommentare zur Politik abzugeben. Das ist seltsam, weil sie über Politiker und das Reich, in dem sie herrschen, zwar etwas wissen können, aber persönlich nur als Gegenstand der Politik Erfahrungen haben – Politiker, die gleichzeitig Dichter sind, müssen auf einem der beiden Felder Federn lassen.
Schriftsteller bilden das Gegengewicht zu den Politikern, die politische Erfahrung haben, aber zu wenig von der Wirklichkeit wissen: Ein Politiker hat keine Zeit, die Welt spielerisch aus den verschiedensten Perspektiven zu betrachten. Jede seiner Entscheidungen ist von der Frage bestimmt, ob sie seiner Macht nützt oder schadet, nicht aber, ob sie ästhetisch vollendet ist. Für den Dichter ist Schmutz Materie am falschen Platz (Christian Enzensberger) – oder sogar am richtigen! –, für den Politiker hingegen ein Thema für die Stadtreinigung.
Was die Dichter uns mit ihren Mitteln geben können, ist etwas ganz anderes: Sie können uns Widersprüche zeigen, am Lack der Konventionen kratzen, Fassaden niederbrennen, aber auch Dinge in Watte packen, die wir gedankenlos zertreten. Sie sollen uns ungewöhnliche Perspektiven zeigen, die wir in der Tagesarbeit vergessen und für die wir zu fantasielos sind, um sie auch nur zu erahnen. Wenn die Mehrzahl der Schriftsteller sich mit der Zerstörung der Konventionen beschäftigt, kann man vermuten, dass sie in guten Zeiten leben. Wenn aber die Politiker das Land ruinieren, werden wir auch wieder Schriftsteller haben, die uns zeigen, was wir bewahren müssen. Der Ruf des Don Carlos nach der Gedankenfreiheit ist in den Zeiten der Unterdrückung immer als politische Botschaft verstanden worden:
»Kunst ist idealerweise die Erfahrung von Freiheit. Ihr Thema sollte das größere Spiel sein, in dem andere Gesetze gelten, als die der Parteien und in dem allen Leidenschaften, Positionen und Niederlagen gleiche Bedeutung eingeräumt wird als Ausdruck unserer seltsamen Gattung.«3
Aber auch die ironischen Spitzen der Gesellschaftsromane von Theodor Fontane sind Politik genug, wenn man in gemütlichen Zeiten lebt.
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und erneut nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme ist die Frage diskutiert worden, ob Schriftsteller, die politische Schuld auf sich geladen haben, sich für ihren Beruf disqualifiziert haben. Benno Reifenberg sagt dazu: »Literatur ist das Feld, wo unmittelbar an den Tag kommt, ob der, der einen Gedanken ausspricht, auch das Recht hat, ihn zu verkünden.«
Wer auch nur formal irgendeiner politischen Gliederung angehört hat, die andere Menschen rechtswidrig unterdrückt hat, muss sich dieser Frage stellen. Die Diskussionen auf politischen und literarischen Plattformen über diese Frage haben sich lange im Kreis gedreht. Die Lösung ergibt sich aus einem Ansatz, der bei der rechtlichen Beurteilung von Straftaten in diktatorischen Regimen gefunden worden ist. Er lautet: Niemals ist auf die Formalitäten abzustellen, sondern für die Beurteilung einer persönlichen Schuld kommt es immer auf die konkrete Handlung eines Beteiligten an. Er kann Täter, Mittäter, Anstifter, Beihelfer oder nur Zuschauer sein. Der Zuschauer überschreitet die Grenze zur persönlichen Schuld durch
»Jede Handlung …, die die Herbeiführung des Taterfolges durch den Haupttäter objektiv fördert oder erleichtert; dass sie für den Eintritt dieses Erfolges in seinem konkreten Gepräge in irgendeiner Weise kausal wird, ist nicht erforderlich« (vgl. BGH, 16.11.2006, 3 StR 139/06 – Fall M.).
Diese Beurteilung darf unter besonderen Bedingungen auch aus einer rückwärtsgerichteten Perspektive gesehen werden (während im Recht sonst ein Rückwirkungsverbot besteht):
»Danach findet das strikte Rückwirkungsverbot des Art. 103 Abs. 2 GG seine rechtsstaatliche Rechtfertigung in der besonderen Vertrauensgrundlage, welche die Strafgesetze tragen, wenn sie von einem an die Grundrechte gebundenen demokratischen Gesetzgeber erlassen werden. Diese besondere Vertrauensgrundlage entfällt, wenn der andere Staat für den Bereich schwersten kriminellen Unrechts zwar Straftatbestände normiert, aber die Strafbarkeit gleichwohl durch Rechtfertigungsgründe für Teilbereiche ausgeschlossen hatte, indem er über die geschriebenen Normen hinaus zu solchem Unrecht aufforderte, es begünstigte und so die in der Völkerrechtsgemeinschaft allgemein anerkannten Menschenrechte in schwerwiegender Weise mißachtete. Hierdurch setzte der Träger der Staatsmacht extremes staatliches Unrecht, das sich nur solange behaupten kann, wie die dafür verantwortliche Staatsmacht faktisch besteht. In dieser ganz besonderen Situation untersagt das Gebot materieller Gerechtigkeit, das auch die Achtung der völkerrechtlich anerkannten Menschenrechte aufnimmt, die Anwendung eines solchen Rechtfertigungsgrundes. Der strikte Schutz von Vertrauen durch Art. 103 Abs. 2 GG muß dann zurücktreten (BVerfGE 95, 96, 133).«
Diese Maßstäbe beschreiben den äußersten Rahmen einer Schuldzuweisung. Wenn ein Schriftsteller auf diese Weise Schuld auf sich geladen hat, wird er nicht anders behandelt werden, als jeder andere Täter vermutlich hat er sich damit auch literarisch ruiniert. Außerhalb der Welt des Rechts werden die Maßstäbe sehr viel milder und zurückhaltender ausfallen: Politischer Kampf ist immer auch ein Kampf um Moral, um Interpretationen, um Perspektiven. In der aktuellen Situation kann alles umstritten sein und es ist schwer, Jahrzehnte später zu sagen, ob ein bestimmtes Verhalten noch zum legitimen Meinungskampf gehörte oder moralische Grenzen überschritten hat.
In der Zeit zwischen 1933 - 1945 beobachten wir vier Gruppen:
- Jene Schriftsteller, die von dem System ausdrücklich profitiert und es bis zum Ende gestützt haben Hans Friedrich Blunck, Hans Grimm, Hanns Johst und die Autoren der Zeitschrift »Das Innere Reich«) dürfen mit Recht gefragt werden, ob ihre Meinung nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches noch ernst genommen werden kann.
- Anders jedoch bei jenen, die den Wechsel des Regimes 1933 zwar positiv interpretiert, aber schon vor Beginn des Krieges ihre Meinung revidiert haben – manche deshalb, weil sie von Mitläufern zu Opfern geworden sind (Gottfried Benn, Ernst Jünger und andere).
- Wieder andere (Egon Holthusen) haben dem Regime lange vertraut, haben aber dann unter dem Druck der Kriegsereignisse ihre Meinung geändert und sich teilweise den Widerstand angeschlossen.
- Und schließlich die Gruppe derer (Günter Grass, Walter Jens und andere), deren formale Mitgliedschaften in der NSDAP vielleicht bestanden, aber sich nicht ausgewirkt haben.
Innerhalb jeder dieser Gruppen ist zu bedenken, dass in den meisten Fällen die innere Haltung wie die äußeren Entscheidungen jedes Einzelnen während der Jahre zwischen 1933 und 1945 wechselhaft waren. Auch viele Mitglieder des späteren Widerstandes gegen Hitler haben ihm – und den Krieg! – anfänglich (vor allem aus der deutschnationalen Perspektive) zugestimmt (Graf Stauffenberg). Wäre Gottfried Benn vom Völkischen Beobachter nicht schon 1936 scharf kritisiert worden, wäre er vielleicht später in die Armee geflohen. Aber anders als Carl Schmitt oder Martin Heidegger, die auch schon lange vor dem Krieg ihren Einfluss verloren hatten, hat er seine Fehlentscheidung (im Rahmen seiner Möglichkeiten) offen diskutiert. Ricarda Huch, die Gottfried Benn 1933 offen widersprach und sich weigerte, die geforderte Loyalitätserklärung gegenüber Adolf Hitler zu unterschreiben, hatte Schwierigkeiten, weiter zu publizieren. Aber Glückwünsche zu ihrem 80. Geburtstag erhielt sie sowohl von Hitler wie von Goebbels und 1944 auch noch den Wilhelm-Raabe-Preis. Sogar die Zeitschrift »Das Innere Reich«, deren Autoren dem Regime gegenüber loyal eingestellt waren, ist 1936 zeitweise verboten worden. Nicht einmal die Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer belegt eindeutig eine Unterstützung des Systems, obwohl sie die Voraussetzung für die Publikation im Dritten Reich war.
Schriftsteller, die ins Exil gegangen sind, haben allein dadurch genügend Distanz zum Regime gezeigt. Aber nicht jeder, der geblieben ist, hat das aus opportunistischen Gründen getan (Erich Kästner!). Auffällig ist in der Diskussion, dass junge Intellektuelle, die sich früher dem Kommunismus zugewandt, später aber ihre Meinung geändert haben haben (George Orwell, Arthur Koestler) anders beurteilt werden, als die früh vom Faschismus begeisterten jungen Leute, die später ihre Irrtümer eingestehen mussten.
Kurz: Ob ein Schriftsteller sich durch seine Haltung im Dritten Reich (oder anderen Diktaturen) als Autor disqualifiziert hat, kann man nicht anhand von formalen Kriterien beurteilen, sondern man muss sein Verhalten während und nach dieser Zeit sorgfältig untersuchen und mit anderen vergleichen, deren Entscheidungen wir ohne weiteres zustimmen. Dieser Grundsatz gilt auch für die Gegenwart.
Die Frage nach dem moralischen Verhalten eines Schriftstellers stellt sich nicht nur unter den oben beschriebenen politischen Rahmenbedingungen. Sie begleitet Schriftsteller und Dichter seit jeher. So hat man etwa Marcel Proust seine sexuellen Praktiken vorgeworfen (Erregung in einem für Homosexuelle bestimmten Bordell, in dem man vor den Augen der Teilnehmer Ratten gequält hat), aber hat ihn das als Schriftsteller disqualifiziert? Selbst wenn Marcel Proust keine Zeile veröffentlicht hätte, wäre sein Leben, Fühlen und Denken ein Gegenstand der Bewunderung. In ihm konzentriert sich ein ganzes Jahrhundert an der Grenze zu einer neuen Zeit, die für ihre Vergangenheit noch keine Theorie entwickelt hat – und für die Zukunft noch keine gewonnen. Wie war es mit Marquis de Sade?
Wir nehmen es als geradezu selbstverständlich hin, dass viele Schriftsteller sich mit ihrer Arbeit schamlos ruinieren. Sie trinken und saufen sich zu Tode, neben Drogen, leben radikal am Rand der Gesellschaft und beißen – wie Thomas Bernhard – jedem in die Hand, der sie trösten will. Damit schaden sie nur sich selbst: »Jene, die immer gewusst haben, dass das Leben außerhalb ihrer Reichweite liegt, sie alle – und es gibt viele von ihnen – haben, wie man so sagt, nichts zu bereuen.«
Wenn jemand aber die Hellsichtigkeit seines Geistes, die andere Menschen beeindruckt, nur auf dem Weg über Verbrechen erlangt hat, die andere Menschen beschädigen, wird man den Wert seiner Erkenntnisse infrage stellen: Spricht hier jemand, dessen Verstand und Gefühl so stark beschädigt sind, dass wir seine Einsichten allein deshalb zurückweisen müssen? Bei Marquis de Sade könnte das der Fall sein. Auch die schriftstellerischen Versuche von Josef Goebbels (ein romantischer Versuch: »Michael«) wird man unter diesem Aspekt weglegen können.