Werbeanzeige des Autors
Servus, Euer Ehren – Fernsehfilm nach Motiven des Romans »Justizpalast« von Petra Morsbach, Drehbuch: C. Otto, Regie: K. Woll
Der Film übernimmt in der Form einer Krimikomödie Hauptfiguren (nicht aber die Handlungsstränge) des Romans, der eine junge Richterin bei Antritt ihres Amtes in einem grundlegenden Konflikt zwischen ihrem Gerechtigkeitssinn und den Anforderungen des Berufes zeigt.1
Dieses Grundmotiv liegt auch dem Roman zugrunde, wird hier aber aus dramaturgischen Gründen auf einen Einzelfall beschränkt: Der Vorsitzende Richter, in dessen Kammer die junge Richterin tätig ist, ist spielsüchtig und wirkt dabei mit, dass der wahre Schuldige bei einem Motorboot – Unfall, bei dem eine junge Schauspielerin ihr Bein verliert, in einem Zivilprozess mit einem geringen Schadensersatzbetrag davonkommen soll. Die Richterin stellt selbst Ermittlungen an und ermutigt die Klägerin, das Strafverfahren wieder aufzurollen. Deshalb wird sie disziplinarisch bestraft, erreicht im Ergebnis aber, dass die Klägerin eine angemessene Vergleichssumme erhält. Der Vorsitzende wird zur Rechenschaft gezogen und die junge Richterin wieder in die Kamera aufgenommen. Parallel dazu werden die privaten Verhältnisse der Richterin geschildert, ihr Vater, ein Schauspieler taucht auf, sorgt für Verwirrung, hilft aber dann doch, den Fall zu lösen; mit der Motorsäge fällt sie rechtswidrig einen störenden Wachholderbaum des Nachbarn und am Ende verliebt sie sich in einen türkischstämmigen Reporter, der den Motorbootfall nie aus den Augen gelassen hat.
Mit dem Roman hat all das nur wenig zu tun. Die erfahrene Drehbuchautorin Carolin Otto (62), die schon in der Reihe Der Bulle von Tölz mitgeschrieben hat, weiß ganz genau, was für eine Machart die ARD (Degeto) von bayerischen Kriminalkomödien erwartet: Spannung, Humor, ein bisschen Sex, viel Dialekt und schöne Bilder. Das ist alles – noch rechtzeitig in der Wies‘n-Saison – gut gelungen, wenn man den Roman nicht im Hintergrund im Kopf hat. Da die Drehbuchautorin nun aber wenigstens »nach Motiven des Romans Justizpalast« arbeiten musste, und dort das zentrale Thema vorfand, wie Gerechtigkeit sich in Justizsystemen verwirklichen kann, musste sie sich auch dazu Gedanken machen. Da ist einerseits das »Praktische Recht«– der Film zitiert: »Recht ist nicht immer Gerechtigkeit«, andererseits aber die ideale Gerechtigkeit, die jeder von uns auf seine Weise realisiert haben möchte. So kommt jeder Richter in einem unvermeidbaren Konflikt zwischen seiner eigenen Vorstellung von Gerechtigkeit und den Normen, durch die das Gesetz sie geregelt hat. Da Thirza Zorniger ihre eigene Vorstellung gegen das Gesetz durchsetzen will, verletzt sie ihre Neutralität. Zur Strafe wird sie zunächst disziplinarisch suspendiert, aber das System versteht am Ende, dass doch die Ideale siegen müssen und sie darf wieder in der Kammer richten.
Dieses Happy End ist ein großer Gedankenfehler, denn der Film vermittelt uns den Eindruck, der Versuch der Richterin, ihr eigenes Rechtsgefühl gegen das Gesetz durchzusetzen, sei vollkommen in Ordnung. Im Gesetz (und im Buch von Petra Morsbach) steht das Gegenteil. Dort wird Gustav Radbruch zitiert: »Das Gewissen bindet, das Rechtsgefühl entfesselt den Eigennutz«. Hier besteht der Eigennutz darin, die eigenen moralischen Kriterien höher zu stellen als die formalen Vorschriften des Rechts. Jeder von uns hat in einer Konfliktsituation eine konkrete Vorstellung davon, wie der Fall unter Berücksichtigung von Gleichheit, Fairness und Ausgewogenheit so gelöst werden kann, dass die meisten die Entscheidung eines Richters als gerecht empfinden. Das aber kann nur in einem gesetzlich festgelegten Verfahren geschehen, das seinerseits gerecht strukturiert ist. Dazu gehört vor allem die absolute Unabhängigkeit der Richterin, die keine Parteiseite ergreifen darf. Die Richterin muss allen Verfahrensbeteiligten gegenüber cool bleiben, denn »nur Juristen durchschauen die Schlechtigkeit der Welt, ohne dabei in Wahnsinn zu verfallen. Für den Juristen ist der Wahnsinn, der Irrsinn, die abgrundtiefe Bosheit des Menschengeschlechts sozusagen die gängige Valuta.«2 Die Richterin muss ihre Augen vor den eigenen Perspektiven und Interessen, ja sogar vor den offensichtlichen Mängeln des Rechtssystems geschlossen halten – deshalb trägt Justitia die Binde vor den Augen!
Da man die Gewissenskonflikte aber dramaturgisch nicht darstellen kann, wenn man die Richterin nur händeringend in ihrem verstaubten Zimmer zeigt, befiehlt ihr das Drehbuch, im Fall selbst zu ermitteln, das Verfahren zu zerstören und ihre Karriere zu vernichten. Alles nur im Namen einer Vorstellung von Gerechtigkeit in ihrem Kopf, die nicht in das Verfahren passt. Würden wir ein solches Verhalten auch nur dulden (geschweige denn, eine Richterin, die diese Regel nicht akzeptiert, wieder ins Amt berufen), könnten wir die Idee, in Justizsystemen könne sich Gerechtigkeit herstellen lassen, endgültig begraben. Der Film stellt das Verhalten der Richterin unkritisch dar, obwohl die Drehbuchautorin wie die Regisseurin Katharina Woll (40) (rechtlich beraten) genau wussten, dass es falsch war3:
»Der Film stellt die Frage, wie weit man gehen sollte, um für Gerechtigkeit zu kämpfen. Was möchten Sie, dass das Publikum aus Thirzas Geschichte mitnimmt, besonders in Bezug auf Ethik und Moral?
›Recht ist nicht immer Gerechtigkeit‹ ist ein zentraler Satz aus dem Film. Es gibt Gesetze, die unser Zusammenleben regeln, das ist auch gut so und wir brauchen sie, wenn wir als Gesellschaft friedlich zusammenleben wollen. Aber nicht alles Recht ist gerecht und manchmal muss man sich dem Gesetz widersetzen, wenn man das Gefühl hat, dass gerade eine Ungerechtigkeit geschieht. Das würde ich unbedingt so unterstreichen.Kann eine Richterin überhaupt außerhalb des Gerichtssaals ermitteln?
Nein, das ist im wahren Leben natürlich verboten…Welche Herausforderungen und Freuden hatten Sie während der Dreharbeiten zu Servus, Euer Ehren, insbesondere in einem Setting, das sowohl juristisch komplex als auch emotional geladen ist?
Wir hatten zum Glück eine Richterin, die uns und vor allem Carolin Otto, die das Drehbuch geschrieben hat, zu allen juristischen Fragen beraten hat. …«
Da aber Fernsehfilme nur den Gesetzen der Dramaturgie verpflichtet sind und nicht der Vernunft, wird all das gedreht und gesendet. Damit man das nicht merkt, wird in der Schlussszene aus Kants Kritik der praktischen Vernunft zitiert, so, als könne die zornige Heldin sich darauf stützen.
Petra Morsbach hat einen ganz anderen, sehr differenzierten Roman über das Justizsystem geschrieben, dessen Heldin mit der des Films nur den Namen teilt. Sie schreibt: »Was für ein durchdachtes Justizsystem wir haben! Es funktioniert aber nur, wenn wir es verantwortungsvoll verwalten, mit Bindung allein an das Gesetz.« (Justizpalast, Knauss,7. Aufl. 2017, S. 61 ff.)
- 1. Über das beeindruckende Buch, das dem Film zugrunde liegt, habe ich damals eine kurze Rezension geschrieben: https://www.anwaltsblatt-datenbank.de/bsab/document/jzs-AnwBlOnline20181....
- 2. Herbert Rosendorfer, Schönschreibübung XXXI in: Schönschreibübungen des Gilbert Hasdrubal Koch, Kiepenheuer & Witsch, 1999 ,S. 130 (über Grillparzer).
- 3. Interview mit Fabian Riedner (4. Oktober 2024): Katharina Woll: Thirza ist aus Überzeugung Richterin geworden – Quotenmeter.de
Rückverweise
Keine internen Rückverweise gefunden.
