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Legal Tech in der juristischen Ausbildung: Wo steht der Nachwuchs?
Kanzleien investieren zunehmend in digitale Arbeitsprozesse, KI-gestützte Recherche und automatisierte Dokumentenerstellung. Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis ein wiederkehrendes Problem: Der juristische Nachwuchs bringt zwar Motivation und Interesse mit, häufig jedoch keine formale Ausbildung im Umgang mit Legal-Tech-Tools. Die Frage, woher Legal-Tech-affine Juristen kommen sollen, stellt sich daher für viele Kanzleien zunehmend dringlicher.
Der Status quo der juristischen Ausbildung
Die juristische Ausbildung in Deutschland folgt nach wie vor einem stark traditionellen Modell. Das Studium der Rechtswissenschaft ist im Kern auf das Staatsexamen ausgerichtet. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf den klassischen Rechtsgebieten – Zivilrecht, Öffentliches Recht und Strafrecht – sowie deren methodischer Anwendung. Digitale Kompetenzen oder technologische Grundlagen sind hingegen kein verpflichtender Bestandteil des Curriculums.
Gleichwohl ist Bewegung erkennbar. Einzelne Universitäten haben begonnen, Digitalisierungsthemen in ihre Studienangebote zu integrieren. So existieren beispielsweise Schwerpunktbereiche oder Zertifikatsprogramme zu „Recht der Digitalisierung“ oder „Informationsrecht & Legal Tech“. Darüber hinaus entstehen vereinzelt interdisziplinäre Studiengänge an der Schnittstelle von Recht und Technologie. Ein Beispiel ist der Bachelorstudiengang „Legal Tech“ an der Universität Passau, der juristische Inhalte mit Wirtschaftsinformatik und digitalen Kompetenzen verbindet. Auch weitere Hochschulen – etwa in Berlin, Regensburg oder Wismar – bieten mittlerweile Studienprogramme mit explizitem Legal-Tech-Bezug an.
Dennoch bleibt diese Entwicklung bislang eine Ergänzung zum klassischen Studium und nicht dessen Kern.
Das Henne-Ei-Problem des Legal-Tech-Nachwuchses
In der Praxis entsteht daraus ein strukturelles Spannungsverhältnis. Viele Studierende interessieren sich für Legal Tech und beschäftigen sich außerstudentisch mit entsprechenden Themen. Gleichzeitig fehlt ihnen häufig die Möglichkeit, diese Kenntnisse im Rahmen des Studiums systematisch zu erwerben oder nachzuweisen.
Ein zentrales Hindernis besteht darin, dass Universitäten in der Regel keinen Zugang zu professionellen Tools bieten. Lizenzkosten, technische Infrastruktur und organisatorische Fragen erschweren eine Integration solcher Systeme in die Lehre. Die Folge ist ein paradoxes Ergebnis: Studierende verfügen über Interesse und Motivation, können ihre Kompetenzen jedoch kaum praktisch entwickeln.
Auf Seiten der Kanzleien zeigt sich gleichzeitig ein steigender Bedarf an genau diesen Fähigkeiten. Dokumentenautomatisierung, Legal-Operations-Prozesse oder KI-gestützte Recherche gehören zunehmend zum Arbeitsalltag moderner Kanzleien. Bewerber mit entsprechender Erfahrung sind daher gefragt, aber selten.
Ein weiteres Phänomen verschärft diese Situation. Viele junge Juristen gelten zwar als „Digital Natives“, sind jedoch nicht automatisch technikaffin im beruflichen Sinne. Der alltägliche Umgang mit intuitiven Apps ersetzt nicht die Fähigkeit, komplexe Fachsoftware systematisch zu erlernen und produktiv einzusetzen. Ohne entsprechende Schulung besteht daher die Gefahr, dass vorhandene Tools ungenutzt bleiben oder falsch eingesetzt werden.
Vor diesem Hintergrund gilt Praxiserfahrung derzeit als die eigentliche „Währung“ im Legal-Tech-Umfeld. Studierende, die an Hackathons teilnehmen, in Legal-Tech-Vereinen mitarbeiten oder im Rahmen eines Praktikums mit entsprechenden Tools arbeiten konnten, heben sich deutlich von anderen Bewerbenden ab. Solche Erfahrungen entstehen jedoch meist außerhalb des regulären Studiums.
Welche Herausforderungen sich daraus für Kanzleien ergeben
Für Kanzleien bedeutet diese Situation vor allem eines: Sie können sich nicht darauf verlassen, dass der Arbeitsmarkt fertige Legal-Tech-Experten hervorbringt.
Stattdessen treffen sie häufig auf hochqualifizierte Juristen, deren Ausbildung stark dogmatisch geprägt ist, während praktische Technologiekompetenz erst im Berufsalltag entwickelt werden muss. Gleichzeitig wächst der wirtschaftliche Druck, digitale Prozesse effizient zu nutzen und technologische Innovationen in die eigene Arbeitsorganisation zu integrieren.
Die zentrale Herausforderung besteht daher darin, juristische Fachkompetenz mit technologischem Verständnis zu verbinden. Diese Kombination entsteht derzeit selten automatisch durch die Ausbildung.
Was Kanzleien konkret tun können
Ein erster Ansatz besteht darin, Legal-Tech-Schulungen bereits in das Onboarding neuer Mitarbeitender zu integrieren. Seminare zu eingesetzten Tools, KI-gestützter Recherche oder Dokumentenautomatisierung können dazu beitragen, technologische Kompetenzen frühzeitig aufzubauen. Besonders effektiv sind dabei praxisorientierte Formate, in denen neue Mitarbeitende mit realistischen Testfällen oder in sogenannten Sandbox-Umgebungen arbeiten können.
Darüber hinaus spielt die Zusammenarbeit zwischen juristischen und technischen Teams eine zentrale Rolle. Während IT-Spezialisten technische Zusammenhänge erklären, bringen Juristen das fachliche Verständnis der rechtlichen Prozesse ein. Diese Zusammenarbeit ermöglicht nicht nur eine effizientere Nutzung der vorhandenen Tools, sondern fördert auch ein grundlegendes Verständnis für technologische Arbeitsweisen.
Ein weiterer wichtiger Faktor liegt im Recruiting. Stellenausschreibungen sind für viele junge Juristen ein erstes Signal dafür, wie innovationsorientiert eine Kanzlei arbeitet. Die explizite Erwähnung von Legal Tech, digitalen Arbeitsprozessen oder internen Weiterbildungsprogrammen kann daher ein entscheidender Attraktivitätsfaktor sein. Entscheidend ist dabei jedoch die Glaubwürdigkeit: Versprochene Technologien und Trainingsprogramme müssen auch tatsächlich Teil des Arbeitsalltags sein.
Schließlich können Kanzleien gezielt Veranstaltungen und Programme entwickeln, um frühzeitig Kontakt zu technikaffinem Nachwuchs aufzubauen. Hackathons, Workshops oder Praktikumsprogramme mit praktischem Tool-Zugang ermöglichen Studierenden erste Erfahrungen, die sie im Studium häufig nicht erwerben können. Solche Formate schließen die Lücke zwischen akademischer Ausbildung und beruflicher Praxis.
Fazit
Die juristische Ausbildung in Deutschland befindet sich im Wandel, bleibt jedoch in ihrem Kern weiterhin stark traditionell geprägt. Legal Tech ist an einigen Hochschulen sichtbar geworden, spielt im regulären Jurastudium bislang jedoch nur eine begrenzte Rolle. Für Kanzleien bedeutet dies, dass sie die Ausbildung von Legal-Tech-Kompetenzen zunehmend selbst übernehmen müssen. Wer juristischen Nachwuchs langfristig gewinnen und entwickeln möchte, sollte technologische Weiterbildung, praktische Lernformate und transparente Innovationskultur aktiv fördern.
Die gute Nachricht ist dabei: Das Interesse auf Seiten des Nachwuchses ist vorhanden. Es fehlt weniger an Motivation als an Strukturen, die dieses Potenzial systematisch fördern. Genau hier liegt die Chance für Kanzleien, sich als moderne und zukunftsorientierte Arbeitgeber zu positionieren.
Autorin: Larissa Schmitz studiert Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Steuer- und Bilanzrecht an der Universität zu Köln und arbeitet als Werkstudentin in einer Steuerkanzlei. Neben dem Studium verbindet sie ihr Interesse auch mit Legal Tech. Deshalb engagiert sie sich ehrenamtlich für das LTLC und CTRL Magazin und teilt ihr Fachwissen regelmäßig durch Beiträge.
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