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Petra Morsbach: Orion (Roman, Penguin 2026)
Petra Morsbach hat die Lebenswelten von Juristen in ihrem später verfilmten Roman »Justizpalast« anschaulich geschildert. Viele Juristen sind mit Lehrern und Lehrerinnen zusammen und werden sich daher vielleicht auch für die Berufs- und Lebensumstände der Lehrer interessieren.
Das Buch begleitet die unscheinbare Deutschlehrerin mit dem unscheinbaren Namen Nora Meyer durch ihr Leben, das sich in den privaten wie den beruflichen Erfahrungen auf den ersten Blick von dem Durchschnitt nicht unterscheidet, den wir kennen. Viele Leser werden sich mit den Schicksalen, über die in klassischer Erzählweise berichtet wird, identifizieren können – bis sich dann unversehens ein Abgrund öffnet, in denen wir nicht hineinblicken wollen. Es beginnt mit einer unförmigen Großmutter, die die teilweise abwesenden Eltern ersetzt und Wiegenlieder singen kann, die zu Büchern führen, in denen eine Welt geschildert wird, zu der das Kind noch lange nicht gehören wird. Ihr erster Eindruck: »Schöne Geschichten beglücken das Herz« (S. 155).
Die Beschreibung des studentischen Treibens in München (späte sechziger Jahre) zeigt uns auch das Innenleben der Universität und des Bayerischen Haupt-Staatsarchivs, in denen die Bücher bedeutender sind als die Archivare, die ihnen dienen (»Dr. Anton Raphael konnte ohne Zigarette nicht atmen.« (S. 27). Hier gibt es noch keine erotischen Verwirrungen, aber jetzt wächst das Interesse auch für die weniger schönen Geschichten, die die Schriftsteller und das Leben schreiben. So schließt sie die Fächer Deutsch und Geschichte fürs Lehrfach ab, wird Lehrerin am Gymnasium und heiratet ihren früheren Abteilungsleiter im Archiv, einen älteren pedantischen Beamten, Dr. Theseus Dellendrücker, der sich am kleinen Finger einen langen Nagel hat wachsen lassen, um empfindliche Seiten alter Manuskripte besser umblättern zu können (»Benutzer sind Beschmutzer« (S. 25). Ein Mann, der sich von seiner eigenen Werbung überrascht zeigt und nach der dramatisch erlebten Geburt des Sohnes recht bald aus allen persönlichen Verhältnissen zurückzieht.
Humorvoll und cool skizziert sie Schüler, Schülerinnen, Lehrer:innen und Vorgesetzte, es gibt immer wieder etwas zu lachen – häufig nahe am Abgrund. Geradezu in Notwehr lernt sie nun, in den Menschen zu lesen und nicht nur in den Büchern. Deutschstunde – so könnte das Buch bis hierhin auch heißen, wenn dieser Titel nicht schon lange belegt gewesen wäre. Aber das wechselhafte Schicksal so vieler Menschen, denen sie begegnet, führt sie weit aus der Welt der Schule und der Bücher hinaus. So etwa in die Arme eines Forstmannes, der ihr den Wald erklären kann. Das ist alles sorgfältig recherchiert: Jetzt wissen wir, was ein »Stangenforst« und ein »Windwurfnest« ist (S. 161). Danach lässt die Ehe sich nicht mehr kitten, denn der neurotische und verklemmte Ehemann ist umso eifersüchtiger über den Verlust. Ähnliche Schicksale erleidet die Kollegin Klappa, die nach ihrer Scheidung bemerkt: »Ich fühlte mich wie die Bundeswehr beim Abzug aus Afghanistan« (S. 218) – und es gleichwohl an Solidarität fehlen lässt.
Mit noch größerem Interesse beobachtet sie jetzt die erotischen und politischen Verwirrungen ihrer Freunde. Männer und Frauen sind – ganz unabhängig von ihren politischen Haltungen – in den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts immer noch verhaftet im Rollenverständnis vergangener Zeiten: Da ist aber auch Leonore Tux (Biologie und Chemie), die viel Geld geerbt hat, aber trotzdem arbeitet; Uli Sigl, der Lateinlehrer, der zu viel trinkt, aber seine Schüler halten fest zu ihm; René Zebe der den Abiturientinnen nachstellt. Ein Schüler begeht Selbstmord; der Sohn wird erwachsen; die Männer werden nicht verteufelt, die Frauen nicht aufs Piedestal gehoben. Gegen irregeleitete Machtdemonstrationen ist die Autoren empfindlich.
Die Erzählung wird durch weite essayistische Passagen ergänzt, die in das literarische Muster aber so geschickt eingewebt sind, dass sie die einzelnen Geschichten nicht wirklich unterbrechen. In diesen Passagen habe ich die Bedeutung der Schwestern Brontë für die feministische Literatur verstanden, die erstmals mit dem Betroffenheitskitsch und den Klischees der unterhaltsamen Frauenliteratur aufgeräumt haben, die heute wieder neue Blüten treiben, aber nicht in die Tonne getreten werden sollten, denn auch daraus kann man etwas lernen.
Gegen Ende wird Nora Meyer krank und beschreibt die letzte Lektion, die sie lernen musste: »Lebensschule: Man erschreckt, dann macht man auf niedrigerem Niveau weiter« (S. 162).
Das Buch wird durch viele Zitate antiker Autoren bereichert, die schon vor langer Zeit die gleichen Probleme beschrieben haben, unter ihnen Lukian von Samosata (circa 120-180 n. Chr.). Ihm ist schon damals das Gedankenspiel gelungen, sich wie Ikarus auf eine Luftreise zu begeben und uns von dort zu betrachten, wo das Sternbild Orion steht. Von diesem Sternbild hat das Buch seinen Titel erhalten.
Paul Jandl hat das Buch in der NZZ, Adam Soboczynski in der ZEIT besprochen. Beiden ist aufgefallen, dass das Buch in der Welt der Lehrer die Gesellschaft auf ähnliche Weise widerspiegelt, wie Petra Morsbach in früheren Romanen die Leute aus Leningrad (Plötzlich ist es Abend), die Literati (Dichterliebe), die ich Opernkünstler (Opernroman), die Priester (Gottesdiener) und zuletzt die Juristen (Justizpalast) dargestellt hat – vielschichtige Beiträge zur condition humaine, die heute selten geworden sind. Martin Ebel, Literaturkritiker: »Petra Morsbach gehört zum Besten, was die deutsche Gegenwartsliteratur zu bieten hat.«
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