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Kunst: Idee, Form und Bedeutung

Marcel Duchamp, Porträt (vermutlich 1927)Arsprototo widmet sein soeben erschienenes Heft 1/2026 dem Phänomen der Kunstausstellungen. Im Zentrum steht ein Beitrag zum Werk von Marcel Duchamps (1887-1968), der mit seinen Readymades den Begriff des Kunstwerks neu definiert hat: Sind Gegenstände des täglichen Gebrauchs allein deshalb Kunstwerke, weil sie aus dem Zusammenhang der Zwecke, in dem sie entstanden sind, gerissen werden?

Begriffsgeschichte: Der Begriff der Kunst hat im Laufe der Entwicklung der menschlichen Kultur vielfältige Bedeutungen angenommen1. Er umfasst Bildende Kunst, Literatur, Musik, Tanz, Performances aus unterschiedlichen Elementen, wobei ich im folgenden Text die meisten Beispiele aus dem Bereich der bildenden Kunst nehme, weil sie – anders als z. B. die Literatur – ein fast unendliches Formenspektrum aufweist.

Im altgriechischen Begriff der Kunst (»techne«) drückt sich die Erkenntnis aus, dass Kunst diesseits aller kulturellen Funktionen die technische Beherrschung von Formen voraussetzt, im römischen Begriff »artes liberales« die Einsicht, dass Kreativität Freiheit voraussetzt. In Deutschland hat man diese klassischen Begriffe bis in die Neuzeit hinein benutzt, um handwerkliche Leistungen des Alltags von anderen abzugrenzen, die eine höhere kulturelle Bedeutung haben. Die Maler etwa, die im Mittelalter in Malerzünften zusammengefasst worden waren und sich streng an deren Ordnung halten mussten, wurden teilweise schon im 16. Jahrhundert von der Zunftpflicht befreit, weil man ihre kreativen Fähigkeiten höher schätzte als die handwerklichen.

Noch bis zum Eintritt der absoluten Gewerbefreiheit (1873) verstand man unter Kunst im Deutschen handwerkliche Leistungen in Abgrenzung zur Natur (Wasserkunst als Begriff für Springbrunnen, Kunstmühle für eine Mühle, die nicht vom Wind angetrieben werden, die Technik der Wärmeführung beim Kachelofen).2 Sie finden sich noch in Worten wie »Kunststoff« wieder. Der »Geniekult der Romantik«3 hat dieses Bild grundlegend verändert.

Heute wird der Begriff Kunst in seinem Kern nur noch für künstlerische Leistungen verwendet, nicht mehr zur Beschreibung technischer Fähigkeiten. Er ist ein Teil unserer Kultur und umfasst alle Gegenstände, Verhaltensweisen, Verfahren und Kommunikationsstrategien, die uns die Welt begreifen lassen. Begreifen heißt: Nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Gefühl und dem Willen zur Gestaltung auf sie zugehen, um ihr ihre Geheimnisse zu entreißen. Von anderen Gegenständen sind künstlerische Werke dadurch zu unterscheiden, dass ihr Zweck sich im Versuch der Erklärung erschöpft – was aber nicht bedeutet, dass die Grenze zwischen den Gegenständen der Kunst und des Alltags allein durch den individuellen Geschmack, dem »interesselosen Wohlgefallen« (Kant) oder gar nur durch den Entschluss bestimmt wird, Künstler zu sein, dessen Ideen und Gestaltungen allein dadurch zur Kunst werden (Jonathan Meese).

Das Recht definiert die Kunst, aber nur zu eigenen Zwecken. Es garantiert in Art. 5 Abs. 3 GG (und vergleichbaren Normen in anderen Ländern) die »Freiheit der Kunst«. Diesen Schutz kann nicht jede kreative Idee beanspruchen, sie braucht klarere Konturen. Die Rechtsprechung hat erkannt, wie schwierig das ist, aber praktisch brauchbare Formeln entwickelt, die für ihre Zwecke ausreichen. In einem Fall ging es um die Frage, ob ein autobiografisches Werk, in dem einzelne Personen negativ dargestellt worden, von der Freiheit der Kunst gedeckt sei:

»Unabhängig von der vom BVerfG wiederholt hervorgehobenen Schwierigkeit, den Begriff der Kunst abschließend zu definieren (vgl. BVerfGE 30, 173 [188f.] = NJW 1971, 1645; BVerfGE 67, 213 [224ff.] = NJW 1985, 261), stellt der Roman „Esra” nach der zutreffenden Auffassung der angegriffenen Entscheidungen ein Kunstwerk dar, nämlich eine freie schöpferische Gestaltung, in der Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse des Künstlers durch das Medium einer bestimmten Formensprache, hier des Romans, zur Anschauung gebracht werden (vgl. BVerfGE 30, 173 [188f.] = NJW 1971, 1645; BVerfGE 67, 213 [226] = NJW 1985, 261; BVerfGE 75, 369 [377] = NJW 1987, 2661). Auch wenn wesentlicher Gegenstand des Rechtsstreits, der zu der vorliegenden Verfassungsbeschwerde geführt hat, das Ausmaß ist, in dem der Autor in seinem Werk existierende Personen schildert, ist jedenfalls der Anspruch des Autors deutlich, diese Wirklichkeit künstlerisch zu gestalten.«4

In rechtlicher Hinsicht kann man stark verkürzt sagen: Kunst ist »Sinn und Form«5. Im Begriff »Sinn« stecken Idee und Bedeutung in all ihren Zusammenhängen und Widersprüchen.

An der rechtlichen Definition ist bemerkenswert, dass bereits der Anspruch eines Menschen, die Wirklichkeit künstlerisch zu gestalten, für die Privilegien ausreicht, die der Kunstbegriff diesen Versuchen gewährt. Für den rechtlichen Schutz darf nicht gefragt werden, ob der Versuch wirklich »Kunst« ist. Gleichzeitig zeigt die Anforderung einer »freien schöpferischen Gestaltung« die Grenze zur Wissenschaft und zu allen sachlichen Darstellungen der Wirklichkeit hinter denen keine Versuche einer »freien Schöpfung« stecken. Wir sollten uns auch in anderen Zusammenhängen dieser zweckmäßigen Grenzziehungen bewusst bleiben.

In der oben zitierten rechtlich relevanten Definition steckt in dem Teilbegriff »Sinn« ein Merkmal, das eine genauere Betrachtung verdient: Kunst muss Bedeutungen enthüllen, die jenseits ihrer Zwecke liegen. Wir suchen in der Kunst nach dem Mythos6, jenem Riss in der Welt, der alle Ordnungen und Systeme durchzieht und durch den wir die Gegenstände der Alltagswelt durch ein Licht beleuchtet sehen, das uns andere Welten erschließt, deren Ursprung wir nicht erkennen können. Ist das alles nur eine Frage des persönlichen Geschmacks? Keinesfalls: Es kommt darauf an, ob der Künstler die von ihm geschaffenen Ideen und Formen wirklich mit Sinn beladen will (und kann) oder ob er z. B. nur deshalb einen Text schreibt, weil er bestrebt ist, einen Text zu verfassen7.

Wenn diese Suche Formen annimmt, die Bedeutungen tragen können, sprechen wir von Kunst. Dazu müssten wir drei Ebenen voneinander unterscheiden:

 Der Tod und das Mädchen, 1517- Die erste Ebene der Kunst: Das sind Ideen, die sich aus den Tatsachen des Lebens entwickeln und um die Gegenstände kreisen, die wir beobachten, analysieren und über die wir nachdenken.
- Die zweite Ebene der Kunst: Diese Ideen werden in geeigneten Formen abgebildet, die die Ideen darstellen und keinen anderen Zwecken dienen als sich selbst.
- Die dritte Ebene der Kunst: Aus Idee und Form müssen sich Hinweise auf die Bedeutung ergeben, die der künstlerische Gegenstand uns vermitteln will. Diese Hinweise können sehr direkt erfolgen (Hans Baldung: Der Tod und das Mädchen), sie können aber mittelbar und sehr flüchtig sein und – für jeden Betrachter vielleicht aus einer anderen Perspektive – erst bei tieferer Betrachtung die Zusammenhänge zwischen den Dingen, den Gefühlen, den Gedanken usw., enthüllen; bis hin zu jenen Fällen, in denen dieser Hinweis sich auf das Unsichtbare beschränkt, auf das, was uns beunruhigt, ohne dass wir darüber Kenntnisse erwerben können, auf Energien, die uns tief im Inneren bewegen, die keinen Namen haben – oder jeden.

Der Frage, ob ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand nur deshalb zum Kunstwerk werden kann, weil er aus dem Rahmen des Alltags gerissen wird, muss sich auch eines der provozierensten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts stellen. Marcel Duchamp erwarb 1917 in einem Laden ein Urinal. Zu Hause installiert, hätte dieser Gegenstand nichts weiter als seinen Zweck erfüllt. Duchamp aber versieht es mit der fingierten Signatur »R. Mutt 1917« und stellt es in einer Kunstausstellung unter der Bezeichnung »Fountain« auf einen Sockel. Die Idee, Alltagsgegenstände ohne künstlerische Bearbeitung zum Kunstwerk zu erklären, war kreativ und völlig neu. Die Form verwandelt sich geradezu allein durch die Idee, sie mit individuell entwickelten Formen in den Vergleich zu stellen. Aber worauf deutet das Werk? Will es uns die Vergänglichkeit vor Augen führen? Will es uns sagen, dass eine Porzellanschüssel die unsere Ausscheidungen aufnimmt, einen hohen Wert für uns hat, der immer unterschätzt wird? Oder beschränkt sich die Deutung – wie der Künstler selbst gelegentlich andeutete – darauf, dass wir uns über die Bedeutung keine Gedanken machen sollten, es bedeute einfach – nichts – außer sich selbst.

Diese Deutung ist falsch. Wer einen Gegenstand des Alltags aus seinem zweckgebundenen Zusammenhang reißt, um ihn uns als Idee vorzustellen, provoziert damit die Frage nach der Bedeutung, die uns beunruhigt. In diese kreative Unruhe geraten wir nicht, wenn das Original in der Toilette steht und dort seinen Zweck erfüllt. Mindestens die Aussage: »Ich entziehe mich der Zwecke« ist in diesem Kunstwerk enthalten und dieser Hinweis geht weit zurück in jene archaische Zeit der Mythen, als die Bilder der Götter selbst die Götter waren und niemand sie für Kunst gehalten hätte. Wenn so eine Idee einmal geboren ist, fallen natürlich unzähligen anderen Künstlern Gegenstände ein, die sie auf solche Weise zweckentfremden können. Das ändert aber nichts an der Originalität der Grundidee.

Stefan Heidenreich weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass es nicht allein genügt, einen Gegenstand seiner gewohnten Umgebung zu entreißen, er muss vielmehr in eine Umgebung versetzt werden, in der der Anspruch, eine künstlerische Idee darzustellen allgemein verstanden werden kann, er muss also Eingang in die Kunstszene finden, bevorzugt in Galerien, Museen oder Sammlungen8.

Marcel Duchamp, 1917, FountainDie Diskussion um den revolutionären Einfall von Duchamp wäre anders verlaufen, wenn man damals schon die Erkenntnisse der neueren Verhaltenspsychologie gehabt hätte, die uns zeigen, dass unsere Wahrnehmung immer von den Rahmenbedingungen abhängt, unter denen wir eine bestimmte Information erhalten (framing9). Auf einer Toilette erwarten wir nichts anderes als ein Urinal, im Museum erwarten wir Kunstwerke. Die Irritation, die jeder Alltagsgegenstand im Museum in uns auslöst, genügt, um ihn aus seiner Alltäglichkeit zu erlösen.

Woraus sich die zwingende Frage ergibt, ob derjenige, dem eine solche Idee kommt, sich selbst als Künstler verstehen muss. Wir können sie aus einem einfachen Grund offenlassen: Wer immer eine Form findet, in der sich eine Bedeutung zeigt, die sich nicht allein in ihrem Zweck erschöpft, hat eine kreative Leistung erbracht, die ihn zum Künstler macht. Vielleicht nur ein einziges Mal in seinem Leben! Wer sich hingegen als Künstler bezeichnet, ohne solche Formen zu finden, bewegt sich nicht auf den Plattformen der Kunst.

Marcel Duchamp zog aus der instinktiv gewonnenen Einsicht, dass Kunst und Alltag sich durch den Rahmen unterscheiden, in dem wir sie wahrnehmen, radikale persönliche Konsequenzen: In der Folgezeit hat er nur noch sehr wenige Kunstwerke gestaltet und seinen Lebensunterhalt mit Kunsthandel, Schachspiel und Ausstellungsmanagement bestritten. Hugo von Hofmannsthal hat im Chandos-Brief10 einen Einblick in die Seele eines Künstlers gegeben, der keine Form für seine Ideen findet, dafür aber mit intensiven neuen Erfahrungen entschädigt wird. Danach hat er keine Zeile Lyrik mehr geschrieben.

Joseph Beuys hat diese Entscheidung 1964 in einer Aktion »Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet« kritisch beleuchtet. Aber eine Aktion, die das Leben eines Künstlers wirklich verändert, kann man gar nicht unterschätzen: Duchamp hatte sich als Kubist einen Namen gemacht (Akt, die Treppe herunter schreitend), als er aber auf die Idee mit den readymades kam, war ihm klar, dass er eine völlig neue Ebene der Kunst betreten hatte. Als Maler konnte er nicht wieder anfangen, als Erfinder von readymades hätte er sich nur noch selbst kopiert. Er war ein intelligenter und gewiss auch zynischer Schachspieler und verdiente mit diesem Spiel Geld! Aber mehr Geld machte er noch als Kunsthändler, Kurator, Organisator, Galerist und Teil der Kunstszene, der hin und wieder – vermutlich in einer sehr ironischen Haltung – noch das eine oder andere beisteuerte. Marcel Duchamps: »Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt«. Eine schöne Beschreibung strahlender Einsicht. Imre Kertesz zitiert das und wenn der Satz wirklich gefallen ist, dann finden wir in diesem Künstler einen wirklichen Denker, den man angesichts seiner Clownerien in ihm kaum vermutet hätte.

Beuys hat die Unrichtigkeit seiner These am eigenen Leib verspürt. Als eine Putzfrau sein Kunstwerk »Badewanne mit Fettecke« (1960), die bei der Veranstaltung des SPD-Ortsvereins Leverkusen-Alkenrath am 3. November 1973 zum Kühlen von Bierflaschen verwendet worden war, am Ende geputzt und dabei die Fettecke beseitigt hatte, wurde das Kunstwerk wieder in das Reich der Zwecke verwiesen, aus dem Beuys es herausgeholt hatte11.

Heute leben wir ganz überwiegend in einer Welt der Zwecke, der rationalen Begründungen, der Vernunft. Wenn wir in einem Kunstmuseum oder einer Ausstellung aus dieser Welt auftauchen und künstlerischen Arbeiten begegnen, sind wir von diesen ungewohnten Erfahrungen fasziniert.

Literaturverzeichnis